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04.10.2022

Österreich in der Welt

In dieser Rubrik stellen wir Auslandsösterreicher:innen und ihre spannenden Laufbahnen vor. Rund 580.000 österreichische Staatsbürger:innen leben überall auf der Welt verteilt. Wir möchten von ihnen wissen, was sie an Österreich vermissen, was an ihrem neuen Lebensmittelpunkt besser geregelt ist und was Österreich daraus lernen kann – oder umgekehrt.
„Parteigründer“ ist nur eine von zahlreichen Stationen in Veit Denglers Werdegang. Als er 2012 NEOS mit aufbaut, kann er bereits auf eine abwechslungsreiche Karriere als Unternehmensberater und Manager im IT- und Medienbereich zurückblicken.
Astrid Hofer lebt und arbeitet in London - dem Schmelztiegel, der Menschen fasziniert und nicht mehr loslässt.
Martin Wallner ist Unternehmer in Austin, Texas. An der Harvard University studierte er Geschichte und Ostasienwissenschaften.
Willi Schlögl ist Sommelier und Wirt und betreibt die Weinbar Freundschaft in Berlin-Mitte. In seinem Podcast "Terroir & Adiletten" erklärt er den Hörer:innen die Weinwelt.
Eine echte Europäerin. So beschreibt sich Arlette Zakarian selbst. Die Juristin mit armenischen Wurzeln, geboren im Iran, kam im Alter von drei Jahren nach Wien.

Dietrich Haubenberger

“Bürokratie raus aus der Wissenschaft!“

Das ist nur eine von vielen Anregungen, die Dietrich Haubenberger zum Forschungs- und Wissenschaftsstandort Österreich einfallen. Haubenberger ist Neurologe und klinischer Forscher sowie seit 2019 Präsident des Vereins ASciNA (Austrian Scientists and Scholars in North America).

Er studierte an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien, 2008 bis 2011 absolvierte er an den National Institutes of Health (NIH) in Bethesda nahe Washington, D.C. seinen ersten US-Forschungsaufenthalt. Seine Forschungen widmeten sich Therapiemöglichkeiten des essentiellen Tremors. Er kehrte an die Med Uni Wien zurück, beendete seine Facharztausbildung und habilitierte sich mit seinen Untersuchungen über Bewegungsstörungen. 2014 wechselte Haubenberger wieder zurück ans NIH, wo er klinischer Direktor am National Institute of Neurological Disorders and Stroke (NINDS) wurde. 2019 wechselte der Neurologe in die Industrieforschung und ist seither als Leiter der klinisch-translationalen Forschung des biopharmazeutischen Unternehmens Neurocrine Biosciences in San Diego, Kalifornien tätig.

Sein akademischer Werdegang hat Haubenberger verdeutlicht, wie wichtig die Zusammenarbeit von Staat, Universitäten und dem privaten Sektor ist, um gute Grundlagen für die Forschung zu ermöglichen. Die „Dichte an Exzellenz“ an den heimischen Unis sei Dank des erstklassigen österreichischen Bildungssystems sehr hoch, daher finde österreichische Wissenschaft auf der ganzen Welt statt. Die internationale Vernetzung sei für die Forschung existentiell, Haubenberger sieht es daher nicht als Verlust für Österreich, wenn heimische Wissenschafter:innen abwandern. Im Gegenteil, der intellektuelle Export bringe viele Vorteile – etwa durch den Austausch mit jungen Nachwuchsforscher:innen oder die Möglichkeiten für Kollaborationen und Doppel-Affiliationen.

Den größten Unterschied im Bereich der Forschung zwischen Österreich und den USA sieht Haubenberger im Leistungsgedanken. Dieser stehe in den USA im Vordergrund. Hier werde ein Großteil des Budgets der Universitäten darauf verwendet, etwa durch Anreize die besten Köpfe anzulocken, der Fokus liege klar auf der Spitzenforschung. Österreich müsse daher eine gute Balance schaffen zwischen der Ausbildung und dem Bekenntnis zur Spitzenforschung an den Universitäten. In den USA werden Forscher:innen mit offenen Armen aufgenommen, sowohl die Green Card als auch die Staatsbürgerschaft seien leicht erhältlich. Einzig die bürokratischen Hürden in Österreich rund um das Thema Doppelstaatsbürgerschaft halte viele Wissenschafter:innen zurück, die US-Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Hier sieht Haubenberger den größten Handlungsbedarf: die Bürokratie müsse sich aus der Wissenschaft heraushalten. Österreich würde es guttun, ebenso offen für Innovation und Wissenschaft zu sein und gute Leute unbürokratischer ins Land zu holen, um kompetitiv zu bleiben. Schließlich sei Österreich nicht zuletzt für Forschende ein attraktives Land – mit qualitativ hochwertiger Infrastruktur, einem zuverlässigen öffentlichen System auf hohem Niveau und einzigartigem Zugang zum Gesundheitssystem.