Warum Inflation verhängnisvoller ist als Rezession
Regierungen rund um die Welt stehen gerade vor enormen Entscheidungen. Welche Fiskalpolitik wählt man, um eine Krise abzumildern, die man selbst nicht verursacht hat? Externe Schocks – Energiepreise, geopolitische Eskalation, gestörte Lieferketten – sind per Definition außerhalb der Kontrolle nationaler Politik. Wie so oft wird es auch diesmal eine Konvergenz der Maßnahmen geben: Manche Regierungen werden es besser meistern, manche schlechter, aber die Richtung wird ähnlich sein.
Dabei wird ein Akteur regelmäßig vergessen – oder zumindest unterschätzt. Einer, der kurzfristig weniger sichtbar ist als ein Konjunkturpaket oder eine Energiepreisbremse, mittelfristig aber mindestens ebenso entscheidend: die Zentralbanken.
Nicht alle spielen nach denselben Regeln
Bevor wir zur eigentlichen Frage kommen, lohnt ein Blick auf etwas, was selten öffentlich diskutiert wird: Zentralbanken haben unterschiedliche gesetzliche Mandate – also unterschiedliche Aufträge, nach denen sie handeln müssen.
Die EZB ist per Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) auf ein einziges primäres Ziel verpflichtet: Preisstabilität. Wirtschaftliches Wachstum oder Beschäftigung darf sie nur dann berücksichtigen, wenn dies mit dem Hauptziel vereinbar ist. Diese Fokussierung ist kein Zufall – sie ist Ausdruck des deutschen Einflusses bei der EZB-Gründung und eine direkte Lehre aus den Inflationstraumata des 20. Jahrhunderts.
Die US-Notenbank Fed verfolgt dagegen ein duales Mandat: Preisstabilität und maximale Beschäftigung sind gleichrangige Ziele. Die Bank of England hat ein ähnliches Zielsystem – Inflationskontrolle kombiniert mit Wachstumsförderung, bei gleichzeitig starker Betonung ihrer Unabhängigkeit. Die Bank of Japan wiederum ist laut ihrem gesetzlichen Auftrag der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verpflichtet – was historisch zu jahrzehntelanger Nullzinspolitik und einer geradezu strukturellen Scheu vor Zinserhöhungen geführt hat.
Das klingt nach einem technischen Detail, ist in der Praxis aber hochrelevant: Im Fall eines Zielkonflikts – etwa wenn Inflation und Rezession gleichzeitig drohen – sind EZB und Fed strukturell zu unterschiedlichen Antworten gezwungen. Die EZB hat schlicht keinen gesetzlichen Spielraum, Wachstum über Preisstabilität zu stellen. Genau das kann in der aktuellen Lage ein institutioneller Vorteil sein.
Inflation: Das gefährlichere Übel
Genau dieser Zielkonflikt steht uns bevor. Mit steigenden Energiepreisen und gleichzeitig schwächelnder Konjunktur – Stichwort Stagflation – müssen sich Notenbanken entscheiden: Inflation bekämpfen oder Wachstum schützen? Die Antwort sollte klar sein. Wer aus der Geschichte gelernt hat, muss Inflation als das gefährlichere Übel einstufen. Hier sind die Gründe:
1. Inflation untergräbt Vertrauen – dauerhaft
EZB und Fed haben die Inflation der Jahre 2021 und 2022 massiv unterschätzt. Beide Institutionen verwiesen auf „vorübergehende Sondereffekte“ – bis die Teuerung im Euroraum auf 8 Prozent geklettert war. Die viel zu späte Gegenreaktion kostete beide Häuser enormes Vertrauen. Eine Umfrage der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in 29 Ländern zeigt: Die Erfahrungen jener Zeit haben tiefe Narben hinterlassen. Haushalte rechnen weiterhin mit steigenden Preisen, selbst wenn die tatsächliche Teuerung längst gesunken ist.
Ein schwaches BIP erschüttert das Vertrauen in Institutionen weit weniger nachhaltig. Rezessionen sind schmerzhaft, aber man erwartet von Zentralbanken nicht, sie zu verhindern. Inflation hingegen ist explizit ihr Auftrag.
2. Inflation verselbstständigt sich – ein schwaches BIP tut das nicht
Sobald Inflationserwartungen außer Kontrolle geraten, entstehen Zweitrundeneffekte: Arbeitnehmer:innen fordern höhere Löhne, Unternehmen erhöhen vorsorglich die Preise, und die Inflation nährt sich selbst. Es entsteht eine Lohn-Preis-Spirale, die sich in den Strukturen der gesamten Wirtschaft festbeißt. Eine Rezession hingegen ist reversibel – dafür gibt es bewährte geldpolitische und fiskalpolitische Werkzeuge.
3. Der aktuelle Schock ist strukturell – nicht temporär
Die Blockade der Straße von Hormus – durch die bis vor kurzem rund ein Fünftel der globalen Öl- und Gasproduktion floss – ist kein klassischer Angebotsschock, der sich von selbst auflöst. Selbst ein schneller Friedensschluss ließe zerstörte Energieinfrastruktur zurück. Die Internationale Energieagentur warnt vor der schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten. Das klassische Notenbank-Argument, solche Schocks einfach „auszusitzen“ (im Jargon: „look through“), greift hier nicht – es setzt einen kurzen Schock und hohe Glaubwürdigkeit der Zentralbank voraus. Beide Bedingungen sind aktuell nicht erfüllt.
4. Rezession ist steuerbar, verfestigte Inflation kaum
Wer heute zögert und die Inflation unterschätzt, zahlt morgen einen deutlich höheren Preis. Die 1970er Jahre haben gezeigt: Ist Inflation erst einmal strukturell verankert, sind drastische Zinserhöhungen – mit enormen Wachstumskosten – unausweichlich. Eine zweite unkontrollierte Inflationswelle kurz nach der ersten würde das Vertrauen in die Geldpolitik weit stärker erschüttern als eine vorübergehende Rezession.
Was Mises und Hayek wussten – und warum es relevant bleibt
Die Ökonomen der Österreichischen Schule – allen voran Ludwig von Mises (1881–1973) und Friedrich von Hayek (1899–1992) – haben Inflation stets als eines der größten gesellschaftlichen Übel eingestuft. Nicht nur als wirtschaftliches Phänomen, sondern als Bedrohung für die Grundlagen gesellschaftlicher Ordnung. Zwei historische Beispiele illustrieren das.
Die Weimarer Hyperinflation 1923: Inflation als Demokratiezerstörer
Die Hyperinflation der Weimarer Republik ist das eindringlichste europäische Beispiel dafür, wohin unkontrollierte Geldentwertung führt. Innerhalb weniger Monate verloren Sparer:innen, Kleinrentner:innen und der Mittelstand nahezu ihr gesamtes Vermögen. Die sozialen Auswirkungen waren massiv: Reale Arbeitseinkommen brachen ein, Plünderungen und soziale Unruhen erschütterten das Land. Für ein Brot wurden im Herbst 1923 mehrere Milliarden Mark verlangt.
Das politische Ergebnis: Radikale Kräfte von links und rechts erhielten massiven Zulauf. Putschversuche erschütterten die Republik. Die Hyperinflation brannte sich als kollektives Trauma ins Gedächtnis – und bereitete, zusammen mit der späteren Weltwirtschaftskrise, den Boden für die politische Katastrophe der 1930er Jahre. Mises erlebte diese Entwicklung aus nächster Nähe in Wien und war mitbetroffen. Seine lebenslange Überzeugung: Inflation ist keine technische Frage, sondern eine moralische und politische.
Die 1970er-Stagflation: Inflation als institutioneller Vertrauensbruch
Das zweite Schlüsselbeispiel sind die 1970er Jahre. Nach dem Ölschock von 1973 verfolgten viele westliche Zentralbanken eine akkommodierende Geldpolitik – die Inflation wurde toleriert, um Wachstum zu schützen. Das Ergebnis war eine jahrelange Stagflation mit zweistelligen Inflationsraten in mehreren großen Volkswirtschaften. Erst die drastischen Zinserhöhungen des Fed-Vorsitzenden Paul Volcker Anfang der 1980er – mit einer schweren Rezession als Preis – brachen die Inflationsspirale.
Hayek hatte bereits in den 1970er Jahren gewarnt, dass eine Politik, die Inflation toleriert, um kurzfristiges Wachstum zu erhalten, langfristig beides zerstört. Er erhielt 1974 – mitten in der Stagflationskrise – den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, auch als Würdigung seiner Konjunkturtheorie: Zu niedrige Zinsen und Geldmengenausweitung durch Zentralbanken erzeugen künstliche Booms und destabilisieren die gesamte Produktionsstruktur.
Mises’ Kernthese: Inflation als Zivilisationsbedrohung
Mises formulierte in seinem Hauptwerk Human Action (1949) fünf zentrale „Wahrheiten“ über Inflation: Sie begünstigt immer nur eine Gruppe auf Kosten aller anderen; ihre Verteilungseffekte sind nicht vorhersehbar; sie erzeugt Fehlinvestitionen in der Kapitalstruktur; sie endet unweigerlich in einem wirtschaftlichen Kollaps; und sie ist zwar bequem für den Staatshaushalt, aber gefährlich für die breite Bevölkerung. Sein Fazit war unmissverständlich: Anhaltende Inflation zerstört die Grundlagen des freiwilligen wirtschaftlichen Austauschs – und damit die Grundlagen der Zivilisation selbst.
Was das für Europa bedeutet
Für die EZB ist die Lage besonders heikel. Mit 20 Mitgliedstaaten, die alle unterschiedliche wirtschaftliche Interessen haben, ist eine einheitliche Geldpolitik strukturell schwierig. Hochverschuldete Länder wie Italien drängen auf niedrige Zinsen; fiskalisch konservative Länder wie Deutschland und die Niederlande bestehen auf Preisstabilität. Politischer Druck auf die EZB ist vorprogrammiert.
Doch genau hier liegt die Stärke des EZB-Mandats: Die EZB darf Wachstum nicht über Preisstabilität stellen. Das ist kein Nachteil – es ist institutionelle Klarheit in einem Moment, in dem politischer Druck zur Lockerung enorm ist. Wer das Mandat ernst nimmt, muss jetzt entschlossen handeln oder zumindest glaubwürdig signalisieren, dass er es bei Bedarf tun wird.
In den USA, wo die Inflation bereits seit mehreren Jahren über dem 2-Prozent-Ziel verharrt, ist ein klarer Fokus auf Preisstabilität besonders wichtig – auch um Zweifel an der Unabhängigkeit des Fed auszuräumen. Die Bank of England steht vor einem ähnlichen Dilemma: Ihr duales Mandat gibt ihr formal mehr Spielraum für Rücksicht auf Wachstum – was in der aktuellen Lage eine Falle sein könnte. Und die Bank of Japan, die jahrzehntelang das Gegenteil – zu wenig Inflation – bekämpft hat, sitzt nun in einer strukturell anderen Situation, in der rasch steigende Energiepreise auf ein besonders vulnerables System treffen.
Fazit: Lieber zu restriktiv als zu locker
Die Regierungen werden ihre Krisenpolicies finden – mit mehr oder weniger Erfolg. Aber die eigentliche Bewährungsprobe findet in den Sitzungssälen der Zentralbanken statt. Kurzfristig schwächeres Wachstum ist ein kontrollierbarer, reversibler Schaden. Eine zweite unkontrollierte Inflationswelle hingegen zerstört Vertrauen, destabilisiert Erwartungen und verfestigt sich in den Strukturen der gesamten Wirtschaft – mit Folgen, die weit schwerer wiegen.
Mises und Hayek haben uns das vor Jahrzehnten erklärt. Die Geschichte hat es bestätigt. Jetzt liegt es an den Zentralbanken, die Lektion nicht zum dritten Mal lernen zu müssen.
