Der schleichende Völkermord

Religiöse Minderheiten verschwinden zunehmend aus der islamischen Welt. Ein Überblick.
Zwischen dem 6. und dem 10. März verübten Islamisten in Syrien im Schatten von Kämpfen gegen Assad-treue Milizen Massaker an Angehörigen der alawitischen Die Alawiten bzw. Nusairier sind eine religiöse Sondergemeinschaft in Vorderasien, die im späten 9. Jahrhundert im Irak entstanden ist und zum schiitischen Spektrum des Islams gehört. Sie sind nicht zu verwechseln mit den türkischen und kurdischen Aleviten. Minderheit. Nach verschiedenen Angaben wurden bis zu 1.400 Zivilisten – Männer, Frauen und Kinder – ermordet, tausende flüchteten in die Berge oder suchten Schutz in und um den russischen Militärstützpunkt Hmeimim.
Der syrisch-katholische Erzbischof von Homs, Jacques Mourad, sieht in den Massakern lediglich die Spitze des Eisbergs. Seit der Machtübernahme durch die Islamisten-Miliz HTS in Syrien hätten sich die Gefängnisse schnell wieder gefüllt, „vor allem mit Alawiten – im Zuge von Schnellverfahren, bei denen Menschen willkürlich ohne das Recht auf Verteidigung festgenommen und manchmal sogar im Rahmen einer ‚voreiligen Abrechnung‘ ohne Gerichtsverfahren und ohne jede Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen, hingerichtet werden“.
Die aktuellen Geschehnisse in Syrien kommen nicht unerwartet. Mit der HTS ist eine islamistische Miliz an die Macht gelangt. Aller bisherigen Erfahrung nach machen Islamisten Islamistensachen. Sie stehen für eine Re-Islamisierung von Gesellschaften, ein Revival des Islam als politisches und gesellschaftliches Ordnungssystem, das auf den Regeln der Scharia gründet. In diesem angestrebten islamischen Staatsgefüge besitzen Frauen weniger Rechte als Männer und Nichtmuslime weniger Rechte als Muslime. Islamismus definiert sich durch den Wunsch nach homogenen islamischen Gesellschaften, in denen Juden und Christen als Anhängern von sogenannten Buchreligionen allenfalls der Status von „Schutzbefohlenen“ (Dhimmis) zukommt, während andere religiöse Minderheiten – etwa Jesiden, Drusen, Alawiten etc. – ebenso wie sexuelle Minderheiten eliminiert werden sollen.
Die hier beschriebene Sichtweise auf nichtislamische Minderheiten hat der Islamische Staat (IS) unmittelbar nach den Massakern an Alawiten in einer veröffentlichten Erklärung, die sich an die islamistischen Kämpfer in Syrien richtet, proklamiert. Sie kann auch als Warnung an die HTS gelesen werden, sich vom Westen nicht vom „rechten Weg“ abbringen zu lassen. In der Erklärung heißt es, der Islam kenne keine Minderheiten, sondern unterteile die Menschen ausschließlich in „Gläubige“ und „Ungläubige“. Dabei werde, so weiter im Text, in vier Gruppen von „Ungläubigen“ differenziert: „Dhimmis“, also „Leute des Buchs“, die als „Schutzbefohlene“ bereit sind, unter islamischer Vorherrschaft zu leben und Kopfsteuer zahlen, „Ungläubige“ außerhalb des islamischen Herrschaftsbereichs, mit denen man einen Pakt geschlossen hat, „Musta’min“, so werden „Ungläubige“ bezeichnet, denen für einen vorübergehenden Aufenthalt, etwa als Geschäftsleute oder Diplomaten, Immunität gewährt wird, und zuletzt die „Krieger“. Zu dieser Gruppe zählen ausdrücklich die Alawiten und Drusen, die als „Sekte des Unglaubens“ und des „Glaubensabfalls“ bezeichnet werden, die „Krieg (gegen den Islam) führt und im Krieg verbleibt“. Letztere zu bekämpfen und zu töten, wird als legitim angesehen. Dies, so wird in der Erklärung betont, sei die „authentische islamische Doktrin“.
Islamismus als Homogenisierungsprojekt
Die Massaker in Syrien reihen sich in eine Entwicklung ein, die in der gesamten MENA-Region und der Türkei seit 130 Jahren zu beobachten ist: die ethnische und religiöse Homogenisierung der Gesellschaften, oder anders ausgedrückt: die allmähliche Vertreibung, Vernichtung und Zwangsassimilierung von Minderheiten in diesem Raum.
Der Historiker Daniel Rickenbacher sieht die Ursache dieser Entwicklung in einem National-Islamismus – in der Türkei spricht man von der Türkisch-Islamischen Synthese (Türk-İslam-Sentezi) – und zieht eine Linie von den Massakern an den Armeniern unter Sultan Abdülhamid II. im Jahr 1894 mit geschätzten 100.000 bis 300.000 Opfern bis zum Völkermord an den Jesiden durch den IS in den Jahren 2014 bis 2017. „In beiden Fällen“, so Rickenbacher, „verstanden die Täter den Islam als politische, staatstragende Ideologie, die die Gewalt legitimierte und zur Pflicht erhob.“[1]
Im Zuge des Bevölkerungsaustauschs zwischen der Türkei und Griechenland wurden im Jahr 1923 400.000 Muslime aus Griechenland in die Türkei ausgewiesen, während ca. 1,2 Millionen Griechen ihre anatolische Heimat, zumeist die Küstenregionen im Westen, Richtung Griechenland verlassen mussten. Für die Betroffenen beider Seiten eine unermessliche Tragödie. Einzig die Griechen Istanbuls und der beiden griechisch besiedelten Inseln Bozcaada und Gökçeada waren vom Bevölkerungsaustausch ausgenommen.
Unter der Regierung des rechtskonservativen Adnan Menderes, der das von Mustafa Kemal Atatürk eingeführte laizistische System aufweichte und dem Islam wieder eine größere Rolle in der Gesellschaft einräumte, kam es im September 1955 in Istanbul zu einem Pogrom, bei dem in erster Linie Griechen, aber auch Juden und Armenier angegriffen wurden. In der Folge verließen etwa 100.000 Griechen Istanbul. Viele derer, die blieben, wurden in den folgenden Jahren vor die Wahl gestellt, zum Islam zu konvertieren oder die Türkei zu verlassen. Diese Ereignisse sind mittlerweile auch literarisch und filmisch verarbeitet worden, etwa in der wunderbaren griechisch-türkischen Koproduktion „Zimt und Koriander“ des Regisseurs Tassos Boulmetis aus dem Jahr 2003.
1945 lebten in Istanbul noch 145.000 Griechen, heute sind es in der gesamten Türkei ungefähr 2.500. Neben den christlichen Minderheiten und den Juden waren auch die Aleviten Aleviten sind Mitglieder einer vorwiegend in der Türkei beheimateten Glaubensrichtung, die sich im 13./14. Jahrhundert unter den zugewanderten oghusisch-turkmenischen Stämmen in Anatolien und Aserbaidschan verbreitete. , die in der Türkei je nach Schätzung zwischen 10 und 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, immer wieder Opfer von Verfolgungen. Ihre Religion ist in der Türkei bis heute nicht anerkannt.
Die Vertreibung der Juden
Nachdem der Irak 1932 mit der Aufnahme in den Völkerbund seine formale Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte, beging die Armee in Gemeinschaft mit der lokalen muslimischen Bevölkerung Massaker an der assyrisch-christlichen Minderheit im Norden des Landes, die als die Massaker von Semile bekannt wurden. Beinahe sämtliche assyrischen Dörfer der Region wurden zerstört und mindestens 9.000 Menschen, vor allem männliche Bewohner ab dem 10. Lebensjahr, ermordet.[2]
1941 initiierten islamische Extremisten in Bagdad die „Farhud“ (was so viel wie „Plünderung“ oder „gewalttätige Ausschreitung“ bedeutet), ein Pogrom, dem mehrere hundert Juden – genaue Zahlen sind bis heute nicht bekannt – zum Opfer fielen. Seit 1939 hatte der nationalsozialistische Sender „Radio Zeesen“, der zur damaligen Zeit leistungsstärkste Kurzwellensender der Welt, ein arabischsprachiges Programm ausgestrahlt. Unter anderem wurden die Reden Mohammed Amin al-Husseinis, des Großmuftis von Jerusalem, in denen er immer wieder zum Hass gegen Juden aufstachelte, von Deutschland aus in die arabische Welt gesendet. Nach einer dieser Reden versammelte sich am 2. Juni 1941 in Bagdad der Mob zum Pogrom. Die Fahrhud markiert den Beginn des Exodus der jüdischen Bevölkerung aus der islamischen Welt. Von den einst blühenden jüdischen Gemeinden in Bagdad, Kairo, Alexandria, Damaskus, Aleppo, Tunis, Casablanca und Fès findet sich heute kaum mehr eine Spur.
Lebten in Ägypten 1948 noch etwa 80.000 Juden, so sind es heute weniger als 100. Gleiches gilt für den Irak, wo die einst 140.000 zählende jüdische Gemeinde auf unter 100 schrumpfte. Die einst 140.000 Juden Algeriens sind ebenso verschwunden wie die 40.000 Juden Libyens. Von den 800.000 Juden, die ursprünglich in der arabischen Welt lebten, blieben etwa 6.000, die Hälfte davon lebt in Marokko, einem Land, das 1948 die Heimat von 250.000 Juden war.
Größere jüdische Gemeinden in mehrheitlich islamischen Gesellschaften existieren nur noch außerhalb der arabischen Welt, in der Türkei und im Iran. Aber auch im Iran sind 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung verschwunden, heute leben dort noch etwa 10.000 Juden. In der Türkei sind es noch etwa 23.000 von einst 120.000. Nach den Pogromen von 1934 im türkischen Teil Thrakiens und der Einführung einer Vermögenssteuer für Nichtmuslime in der Türkei im Jahr 1942 wanderten viele türkische Juden nach Israel aus. Heute leben zahlreiche von ihnen in Haifa.
Die Vertreibung der Christen
Neben den Juden und Minderheiten wie den Jesiden oder Bahai haben auch die diversen christlichen Gemeinden einen dramatischen Rückgang zu verzeichnen. Vor 120 Jahren bestand die türkische Bevölkerung zu etwa 20 Prozent aus Christen. Vor allem der Westen der Türkei, die ehemals griechischen Kerngebiete an der Küste, waren ein mehrheitlich christliches Gebiet. Noch 1915, also nach der Vertreibung und Ermordung der Armenier, waren 40 Prozent der Bevölkerung Izmirs (griech.: Smyrna) Christen. In manchen Orten an der Küste waren es bis zu 80 Prozent.
Von den erwähnten Massakern an den Armeniern 1894 sowie dem Völkermord 1915/16 bis zur Gründung der türkischen Republik 1923 wurden inklusive des Bevölkerungsaustauschs rund 5 Millionen Christen, in erster Linie Armenier und Griechen, aber auch assyrische Christen, ermordet, vertrieben oder zwangsassimiliert, die meisten in den Jahren 1915–1918.[3] Heute sind noch etwa 0,2 Prozent der türkischen Bevölkerung Christen (125.000).
Die Zahl der Christen im Irak ist von etwa 1,5 Millionen im Jahr 2003 auf heute unter 500.000 gesunken. In Jordanien bekannten sich 1930 noch etwa 20 Prozent der Bevölkerung zum christlichen Glauben, heute sind es weniger als 3 Prozent. Auch in den drei arabischen Ländern mit dem einst größten Anteil an Christen – Libanon, Syrien und Ägypten – ist der massive Rückgang nicht zu übersehen. Bei der letzten offiziellen Volkszählung im Jahr 1932 bekannten sich im Libanon 51,2 Prozent der Bevölkerung zu einem christlichen Glauben, heute wird ihr Anteil auf unter 37 Prozent geschätzt. In Syrien ist die Zahl der Christen von 1,5 Millionen vor dem Bürgerkrieg im Jahr 2011 auf heute etwa 300.000 zurückgegangen. Die Angst vor den islamistischen Machthabern wird diese Entwicklung nach den Übergriffen auf Alawiten vermutlich beschleunigen.
Die zahlenmäßig größte und beständigste christliche Gemeinde in der arabischen Welt stellen die Kopten in Ägypten. Nach den leider stark variierenden Statistiken bekennen sich zwischen 6 und 12 Prozent der ägyptischen Bevölkerung, also zwischen 7 und 14 Millionen Menschen, zur koptischen Kirche. Auch sie sind seit den 1980er Jahren in Bedrängnis. Das hängt, wie in sämtlichen mehrheitlich islamischen Ländern, mit Ereignissen der späten 1970er Jahre zusammen. Infolge des Militärputschs in Pakistan 1977 und der mit ihm einhergehenden Re-Islamisierung des öffentlichen Lebens, der Justiz und der Politik und vor allem infolge der Islamischen Revolution im Iran 1979 breitete sich in sämtlichen sunnitisch-islamischen Ländern eine Bewegung der „Islamischen Erweckung“ (aṣ-ṣaḥwa al-islāmīya) aus.
Es liegt auf der Hand, dass die gesellschaftliche Rückbesinnung auf den Islam als normatives Ordnungssystem zu einer Verschlechterung der Situation von Minderheiten führt. So mehrten sich auch in Ägypten Anschläge auf Kopten und deren Einrichtungen und Wohnhäuser. Seit Beginn der 1980er Jahre kam es immer wieder zu regionalen pogromartigen Aufständen, bei denen Kirchen und Geschäfte zerstört wurden. Ein Beispiel von vielen ist das Pogrom von Koscheh, Oberägypten, Ende Dezember 1999. Bei diesem wurden 20 Kopten ermordet, 40 weitere verletzt und ihre Gebäude niedergebrannt – ohne dass die örtliche Polizei eingriff.
Im Zuge des Arabischen Frühlings und der kurzen Regierungszeit der Muslimbruderschaft in Ägypten flammten die Angriffe auf die koptischen Gemeinden neuerlich massiv auf. Auf Kirchen wurden Sprengstoffanschläge verübt, bei denen immer wieder Tote zu beklagen waren.
Einen Höhepunkt erreichte die Gewalt dann unmittelbar nach dem Sturz des Muslimbruders und Präsidenten Mohammed Mursi durch das Militär. Aus Rache für das Massaker des Militärs an Anhängern der Mursi-Regierung im August 2013 auf dem Kairoer Rabaa-al-Adawiya-Platz griffen Anhänger der Muslimbruderschaft koptische Einrichtungen in ganz Ägypten an. Binnen fünf Tagen wurden 63 Kirchen geplündert und mitunter zerstört, ebenso wie dutzende Häuser, Geschäfte und Schulen von Kopten. Nonnen und Lehrerinnen berichten zudem von sexuellen Übergriffen durch einen Mob muslimischer Männer.
Der stete islamistische Druck führt dazu, dass die koptische Gemeinschaft in Ägypten schrumpft, viele wandern aus oder konvertieren. Laut der deutschen Bundeszentrale für Politische Bildung konvertieren jedes Jahr 15.000 Kopten zum Islam. Der Bericht der Bundeszentrale fasst die Entwicklungen in der Region folgendermaßen zusammen:
„Der Vordere Orient wurde im 20. Jahrhundert zunehmend islamisiert. Herrschte einst ein lebhaftes Miteinander von Islam, Christentum, Judentum, Zoroastriern, Buddhismus und Mischreligionen wie Baha’i und Jeziden, so reduzierte sich die Präsenz der von alters her beheimateten Religionen.“
Ausblick
Wo immer Islamisten die Macht übernehmen und gesellschaftliche Hegemonie erlangen, beginnen sie mit der Umsetzung eines Programms der Homogenisierung der Gesellschaft, das mit der Vertreibung und Eliminierung von Minderheiten einhergeht, die den Reinheitsvorstellungen diesbezüglich ambitionierter Muslime und deren Vorstellungen von einer idealen islamischen Gemeinschaft im Wege stehen. Was die Welt während der Herrschaft des IS in Teilen des Iraks und Syriens miterleben konnte, war nur der brutalste und offenste Angriff auf Minderheiten in der jüngeren Geschichte der islamischen Welt; der einzige war er nicht.
Die indigene, in den Jahrhunderten nach der islamischen Eroberung nicht zum Islam übergetretene Bevölkerung der MENA-Region fiel und fällt nach und nach einem schleichenden Völkermord zum Opfer. Die aktuellen Massaker an Alawiten in Syrien sind historisch betrachtet nur der bislang letzte Akt des Kampfs gegen die „Ungläubigen“. Ohne Hilfe von außen ist zu befürchten, dass Christen, Alawiten und Drusen in absehbarer Zeit aus ihrer alten Heimat verschwunden sein werden.
[1] Daniel Rickenbacher: National-Islamismus und genozidaler Antizionismus. Von den Jungtürken bis zum Islamischen Staat, in: Fatma Keser, David Schmidt, Andreas Stahl: Gesichter des politischen Islam, Berlin 2023, S. 413-435, 416.
[2] Ebd., S. 419.
[3] Ebd., S. 417.
NINA SCHOLZ ist Politikwissenschaftlerin, HEIKO HEINISCH ist Historiker. Beide forschen und publizieren zu Nationalsozialismus, Antisemitismus, Islamismus, zum Thema Islam und Menschenrechte sowie zur Integration muslimischer Einwanderer. Zuletzt erschien das gemeinsame Buch: Alles für Allah. Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert. Molden Wien 2019.