BRICS: Ziemlich beste Freunde – oder Feinde
China, Indien und Russland im BRICS-Staatenverbund zwischen Rivalität und gemeinsamen Interessen.
Zum Jahresbeginn 2026 hat Indien den Vorsitz des BRICS-Staatenverbundes übernommen, der von China und Russland dominiert wird. Den Verbund gründeten 2006 Brasilien, Russland, Indien und China als BRIC. Vier Jahre später kam Südafrika hinzu – seitdem gilt die Bezeichnung BRICS. Ab 2024 sind noch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Ägypten, der Iran, Äthiopien und Indonesien aufgenommen worden. Weitere Staaten haben Interesse.
BRICS repräsentiert mittlerweile über 40 Prozent der Weltbevölkerung und ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung – Tendenz steigend. Der anfangs nur belächelte Verband von Staaten muss inzwischen ernst genommen werden. Sein Ziel ist es, die Dominanz des Westens, vornehmlich der USA und der europäischen Staaten, in internationalen Gremien wie dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank, der Welthandelsorganisation und anderer zu brechen. Bislang war BRICS eher ein lockerer Verband ohne offizielle Struktur, ohne festgelegte Strategie und ohne entsprechende Verpflichtungen der Mitglieder.
Aber das Ziel, die Weltordnung unter US-Führung durch eine multipolare zu ersetzen, gewinnt in Südamerika, Afrika und Asien rasant an Attraktivität, verspricht sie doch mehr Teilhabe und vorgeblich mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Dadurch, dass BRICS hier Hoffnungen weckt und eine Perspektive aufzeigt, versucht es dem Westen den Rang abzulaufen. Hier ist tatsächlich Vorsicht geboten, ungeachtet der Tatsache, dass die Ziele in Teilen schwer erreichbar scheinen und die Gründerstaaten von BRICS vor allem in ihren außenpolitischen Zielen kaum an einem Strang ziehen werden.
Denn von der nach außen dargestellten Einheit, tiefen Partnerschaft oder gar Freundschaft zwischen den wichtigsten Mitgliedern der BRICS-Organisation kann keine Rede sein. Russland, Indien, China und Brasilien sind dazu in ihren politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen Interessen und Ambitionen viel zu unterschiedlich. Das betrifft besonders Indien und China. Zwischen ihnen bestehen Rivalitäten und ungelöste territoriale Ansprüche. Es betrifft auch die derzeit angeblich so engen Beziehungen zwischen Russland und China. Zumindest mit Bezug auf den Ukraine-Krieg und der Beurteilung des Westens sowie der Angst vor den USA und der NATO zeigen sie sich fast unzertrennlich. Doch ein Blick in die Historie kann Hinweise darauf geben, dass diese Freundschaft keine tiefergehende ist – es handelt sich um ein Zweckbündnis.
Modi will die alte Ordnung nicht auflösen – sondern mitreden
Russland und China beziehungsweise Wladimir Putin und Xi Jinping geben sich nach außen hin als strategische Partner. Xi lobt Putin, vernebelt dabei aber, dass diese Partnerschaft zunehmend einseitig geworden ist: China ist der große Bruder, Russland der kleine, den es in der Hand hat. Der Ukraine-Krieg hat den Kreml in eine stetig wachsende Abhängigkeit von Peking gebracht. Bei Putins Bemühen, den Kaukasus und Zentralasien zu beherrschen, kommt ihm mit China inzwischen ein Konkurrent in die Quere, gegen den es mittelfristig kaum bestehen kann. Moskau gerät zunehmend in eine defensive Lage.
Auch Indien betreibt Realpolitik, die von bestimmten Interessen geleitet wird. Neu-Delhi ist Mitglied von BRICS und seit 2017 auch der Shanghai-Kooperationsgruppe (Shanghai Cooperation Organisation, SCO). Moskau hatte Indien zur Mitgliedschaft in der SCO eingeladen. Im Hintergrund dürfte Putin dabei die Idee gehabt haben, durch die Aufnahme eines weiteren Schwergewichts den Einfluss Chinas zu relativieren. Peking wiederum hat Indiens Erzfeind Pakistan in die Organisation geholt. Im SCO und bei den BRICS-Staaten ist Indien zumindest auf dem Papier ein Partner von China.
Während Chinas starker Mann Xi Jinping die westlich bestimmte regelbasierte Ordnung zusammen mit Russland aufzulösen und seine Anschauungen und Vorstellungen durchzusetzen versucht, dürfte das in Indien in seiner Radikalität keineswegs ein Ziel sein. Indiens Premier Narendra Modi will die alte Ordnung nicht auflösen, sondern künftig mehr als nur ein Wörtchen mitreden, mitgestalten und mitführen. Pekings und Moskaus Neokolonialismus und Imperialismus liegt Indien fern. Ähnlich verhält es sich mit Brasilien unter Präsident Lula da Silva.
Indien hat mit Modi zwar einen nationalistischen Politiker an der Spitze, aber das bevölkerungsmäßig größte Land der Erde kann nach wie vor als eine Demokratie bezeichnet werden, dies gehört auch zum indischen Selbstverständnis. Die Zusammenarbeit mit den autoritären, diktatorischen Staaten wird allein schon deshalb an natürliche Grenzen stoßen. Die neu hinzugestoßenen BRICS-Mitglieder Ägypten, VAE und der Iran sind keine Demokratien, Äthiopien sicherlich nur mit erheblichen Abstrichen. Auch zwischen ihnen gibt es nicht allzu viele Gemeinsamkeiten, durch ihren Beitritt mutierte der Klub zu einem Sammelsurium der Gegensätze.
Nutznießer des Kriegs in der Ukraine
China ist für Russland ein unverzichtbarer Wirtschaftspartner geworden, wobei diese Partnerschaft reichlich einseitig ist. Russland liefert Gas und Öl, während China nicht nur zur Kriegsführung dringend benötigte elektronische Bauteile verkauft, sondern den russischen Markt mit Autos und Maschinen überschwemmt. Das führt dazu, dass die ohnehin schwache russische Industrie beispielsweise bei Fahrzeugen vollends ausgetrocknet wird. Mittelfristig schafft sich China hier einen sicheren Abnehmermarkt auch nach einem Ende des Ukrainekrieges. Russland produziert vorwiegend nur noch Rüstungsgüter. Die Abhängigkeit von China wächst rasant. Die Russland-Sanktionen des Westens haben mit dazu beigetragen, Moskau auf Gedeih und Verderb in Pekings Arme zu treiben.
Ebenso ist der Kreml bei der Abnahme seiner fossilen Energieträger auf China angewiesen. Peking nutzt dies aus und lässt sich zu Dumpingpreisen beliefern. Inzwischen hat China die Abnahme von Öl und Gas allerdings gebremst. Auch das Reich der Mitte will von nicht-erneuerbarer Energie wegkommen. Das kollidiert mit Moskaus Vorhaben, eine Pipeline zu bauen, die aus den Gasfördergebieten im Westen von Russland, die bislang Europa versorgt haben, nun in die andere Richtung bis nach China reichen. Doch in Peking will man sich dafür nicht erwärmen.
Xi Jinpings Äußerungen zeigen, dass Russland längst nicht mehr als gleichberechtigter Partner oder gar als Dritter im Kampf um die Weltmacht zwischen China und den USA angesehen wird. Pekings Politik ist kein Wunschkonzert – auch für Moskau nicht. Der Kreml setzt auf militärische Stärke. Doch auch hier ist er von China abhängig geworden. Die militärischen Eskapaden Moskaus – Peking dürfte den Angriff auf die Ukraine zunächst mit Missbehagen aufgenommen haben – stören Chinas Handel und die globalen Wirtschaftsbeziehungen.
Pekings zunehmend aggressive Politik gegenüber Taiwan allerdings zeigt, dass China unter Xi eine Abkehr von bisherigen außenpolitischen Grundsätzen wie einer friedlichen Vereinigung abrückt. Taiwan ist gemäß Pekings Interpretation, die in der Ein-China-Politik gipfelt, kein souveräner Staat, sondern nach wie vor ein Teil Chinas.
Indien verfolgt eine eigene Agenda
Indien strebt unter anderem einen ständigen Sitz im dringend reformbedürftigen UN-Sicherheitsrat an. Das ist ein Punkt, bei dem der Subkontinent von den Europäer:innen uneingeschränkte Unterstützung erhalten sollte. Peking und Moskau wollen den Sicherheitsrat nicht erweitern oder reformieren. Damit würde ihr Gewicht verringert, vor allem, wenn die Veto-Möglichkeit bei einer Reform der Vereinten Nationen abgeschafft werden sollte. Peking wird sich ganz bestimmt keinen weiteren Konkurrenten in das Gremium holen wollen.
Mit der Übernahme des BRICS-Vorsitzes will Neu-Delhi einiges in seinem Sinne in die Wege leiten. Premierminister Modi kündigte beim BRICS-Gipfel in Rio de Janeiro Mitte 2025 Neuerungen an – und die betreffen nicht nur seine neue Interpretation der Abkürzung BRICS: „Building Resilience and Innovation for Cooperation and Sustainability“, also Aufbau von Widerstandsfähigkeit und Innovation für Zusammenarbeit und Nachhaltigkeit. Modi will eine Neuausrichtung von BRICS. Der Staatenverbund soll sich den Bedürfnissen der Menschen und ihren drängenden Problemen widmen. Der Vorsitz gibt Modi die Möglichkeit, sich über BRICS ähnlich wie früher bei den Blockfreien in der Zeit des Kalten Kriegs als Sprachrohr und Führer der Staaten des sogenannten globalen Südens zu profilieren, jedenfalls soweit vor allem Peking das zulässt.
Beim Rio-Gipfel der BRICS-Staaten fehlten Putin und Xi Jinping. Putin war per Video zugeschaltet, weil er aufgrund des Haftbefehls des Internationalen Gerichtshofs vorsichtig ist, aber wohl auch, weil er Angst hat, dass er womöglich per ukrainischer Rakete vom Himmel geholt werden könnte. Dass Präsident Xi sich wiederum durch seinen Premierminister vertreten ließ, könnte als ein Zeichen gewertet werden, dass er Indien weniger Gewicht beimisst und sich nicht von Modi vorführen lassen will.
Modi fühlt sich andererseits wohl, wenn er mit Putin und vor allem mit Xi quasi auf Augenhöhe zusammensitzt. Das gibt ihm und den Inder:innen das Gefühl, gleichberechtigter Partner zu sein, ein Gefühl, das er bei Treffen mit westlichen Vertretern offenbar noch vermisst. So konnte seine erste Teilnahme am Gipfel der Shanghai-Staaten nach sieben Jahren durchaus als ein Zeichen dafür gewertet werden, wie wichtig Neu-Delhi diese Zusammenkünfte inzwischen nimmt. Aber auch, dass es mehr Einfluss nehmen will.
Die Beziehungen zu Russland sind für Indien weiterhin wichtig. Moskau versorgt Indien mit Waffen und Munition. Mit Blick auf die schwierigen Nachbarn Pakistan und China kann sich Indien keine Sicherheitslücke leisten. Nichts wäre schlimmer für Indien, als ein Zweifrontenkrieg mit China und Pakistan. Das weiß natürlich auch Peking und dient sich daher Islamabad an. Inzwischen hat Peking an Pakistans Küste den Hafen von Gwadar gebaut, der ein chinesischer Marinestützpunkt ist und damit gleichzeitig ein entscheidender Teil der maritimen Seidenstraße um Indien herum. Indien fühlt sich zu Recht eingekreist.
Eine abrupte Abkehr im Rüstungsbereich von Russland zu den USA und Europa ist nicht möglich. Indien ist bei den Ersatzteilen und der Logistik noch auf Jahre von Russland abhängig – rund 60 Prozent des Waffenbestandes der indischen Streitkräfte stammen aus dieser Kooperation –, doch Indien ist bemüht, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Seit der Öffnung zum Westen haben vor allem die USA mit der Lieferung moderner Rüstungstechnologie die Zusammenarbeit intensiviert. Kampfjets kommen aber auch aus Frankreich, Raketen und Elektronik aus Israel. Neu-Delhi versucht seine Waffenquellen zu diversifizieren.
China läuft Russland in Zentralasien den Rang ab
In der SCO tritt immer wieder auch die Konkurrenz zwischen Peking und Moskau um die zentralasiatischen Republiken zutage. Putin bekommt deutlich Pekings und Xis Führungsrolle zu spüren und dass der Kreml dort seinen Einfluss verliert. Die Republiken lehnen sich angesichts von Moskaus aggressivem Vorgehen in der Ukraine zunehmend an Peking an, das ohnehin mit seinem Seidenstraßenprojekt ganz andere Angebote parat hat als Russland. Insbesondere Kasachstan tritt hier immer selbstbewusster und unabhängiger auf.
Aus diesen Gründen ist Indien zwar der von Peking geführten Shanghai-Organisation beigetreten, aber auf der anderen Seite auch dem gegensätzlichen Quad-Zusammenschluss (Quadrilateral Security Dialogue) mit den USA, Japan und Australien. Die Quad ist kein militärisches Bündnis, sondern – noch – ein lockerer Zusammenschluss von Staaten, der sich eindeutig gegen chinesische Ambitionen und Gebietsansprüche im Südchinesischen und Ostchinesischen Meer sowie chinesische Bemühungen der Dominanz im indopazifischen Raum richtet. Für Indien und Modi ist das kein Widerspruch.
Modi ist sich aus vielfältigen Erfahrungen bewusst, dass Peking letztlich nur die Sprache der Macht versteht. Eine Sorge in Indien ist, dass Moskau sich aufgrund des Ukraine-Kriegs und der damit verbundenen Anlehnung an China in eine solche Abhängigkeit von Peking begibt, dass es im Falle eines chinesisch-indischen Konflikts von Peking erpresst werden könnte. Dieser Zustand scheint inzwischen erreicht. Russland ist insbesondere im elektronischen Bereich, ganz massiv auf dem Gebiet der Halbleiter, von Peking abhängig. In Indien ist man sich offenbar nicht sicher, ob es jene Waffen, die es benötigt, um Pakistan und China abzuschrecken und abzuwehren, in einem Kriegsfall weiterhin aus Russland erhält. Eine für Indien gefährliche Lage.
Der Ukraine-Krieg hat für Peking zahlreiche Unwägbarkeiten geschaffen, doch inzwischen verbinden sich mit einem Ende des Konflikts noch mehr unangenehme Tendenzen. Ein Sieg der Ukraine, das heißt ein Zurückdrängen der russischen Truppen auf die Grenze vor 2014, wäre die unangenehmste Vorstellung, denn damit verbunden wäre eine Erweiterung der NATO und Stärkung des Westens.
Noch schlimmer für Peking wäre ein Russland, das unter neuen Bedingungen die Zusammenarbeit mit den Europäern und womöglich sogar den USA suchen würde. Peking versucht Moskau immer stärker in Abhängigkeit zu bringen und dazu dienen gerade Organisationen wie BRICS und die SCO. Peking kann sich mit Blick auf die eigenen Ambitionen in Südostasien und im Südostchinesischen Meer, gegenüber Taiwan und auch gegenüber Indien, jedenfalls kein feindliches Russland im Norden leisten.
Welchen Bestand die Zusammenarbeit der beiden Staaten bei einem Führungswechsel noch haben wird, ist unklar und schwer vorauszusehen. Sollte Putin – wie auch immer – plötzlich nicht mehr Russland führen, wird ein Nachfolger den Krieg in der Ukraine wahrscheinlich schnellstmöglich beenden. Das kann er, weil er auch mit schlechten Friedensbedingungen nicht wie Putin das Gesicht verlieren würde, der den unsinnigen Krieg begonnen hat. Russland wird dann zwar weiterhin abhängig von China sein, aber dies relativiert sich schnell, wenn der Handel mit dem Westen und vor allem Europa wieder anläuft.
Europa muss Indien in enge Zusammenarbeit einbinden
Modi hat wie viele andere auch Probleme mit Trumps sprunghaften, kryptischen politischen Initiativen und Einfällen, mit seiner unseligen Politik von Zuckerbrot und Peitsche, seinem Hü und Hott, den Lügen und pubertären Auslassungen. Immer wieder stößt er andere vor den Kopf – auch Modris Indien. Die USA gelten eigentlich als Indiens Verbündeter, doch immer wieder hat in den Jahren seit 9/11 2001 die Zusammenarbeit zwischen den USA und Pakistan die Inder vor den Kopf gestoßen. Modi will es sich mit Washington nicht verscherzen, muss aber eine gewisse Distanz wahren.
Hier gerät Indien in ein Dilemma. Denn noch weniger will es sich in Abhängigkeit von Peking bringen. Das bietet Chancen für Europa, den indischen Subkontinent durch eine strategische Partnerschaft aus der militärischen Abhängigkeit von Russland zu befreien. Das wäre im Systemkonflikt zwischen den USA und China von größter Wichtigkeit. Indien sieht sich als ernstzunehmende Regionalmacht auf dem Weg zu einer Weltmacht und ist darum bemüht, seine Territorien abzustecken und sich vor allem gegenüber China zu positionieren. Die Interessen Indiens decken sich zwar nur teilweise mit denen des sogenannten Westens, doch es gibt Überschneidungen und gemeinsame Interessen im wirtschaftlichen, politisch-militärischen und geostrategischen Bereich, die unbedingt genutzt werden sollten.
Dass die Welt von morgen bipolar sein wird, ist nicht ausgemacht. Erstens gibt es da Europa, das endlich aufzuwachen scheint, zum anderen gibt es aufstrebende Staaten wie Brasilien und Indien, die das nicht einfach hinnehmen werden. Deshalb muss hier Europa vorangehen, die Chance nutzen und auf die Staaten des globalen Südens zugehen, ihnen zuhören, sie ernst nehmen, sie einbinden, mit ihnen gemeinsam Probleme anpacken.
JÜRGEN RAHMIG ist seit 40 Jahren Zeitungsredakteur mit Schwerpunkt Außen- und Sicherheitspolitik sowie Verfasser von Büchern zum politischen Zeitgeschehen. Er berichtet aus Krisengebieten und ist seit 25 Jahren regelmäßig auf der Münchner Sicherheitskonferenz zu Gast. In seinem Buch „Der Kampf ums Wasser“ (S. Hirzel Verlag) beleuchtet Jürgen Rahmig die Konflikte rund um die Ressource Wasser im 21. Jahrhundert.