Unsoziale Medien?
Die Politik sagt Social Media den Kampf an. Unsere Jugendlichen seien in Gefahr. Doch stimmt das überhaupt und falls ja, wäre es gerechtfertigt, die Nutzung per Gesetz einzuschränken?
Vor zehn Jahren veröffentlichte der deutsche Soziologe und Psychologe Martin Dornes das Buch „Macht der Kapitalismus depressiv?“. Für viele, vor allem politisch links Sozialisierte mag bereits die Frage, die der Titel aufwirft, einen Affront darstellen. Ist es nicht offensichtlich, dass es sich so verhält, ja verhalten muss?
Ein Jahr später (2017) publizierte Dornes einen wissenschaftlichen Artikel unter dem Titel „Hungerwahn. Eine Kritik an der medialen Dramatisierung von Essstörungen“. Sowohl in seinem Buch als auch im Artikel kam er nach Sichtung aller verfügbaren Daten zu dem Schluss, dass wir es mit unbegründeter Panik zu tun haben.
Fakten statt Fiktionen
Zusammengefasst lautete der Befund seines Artikels:
„In den Medien häufen sich Berichte darüber, dass Essstörungen, insbesondere Anorexie, Bulimie und Fressattacken, in den letzten Jahren zugenommen haben. Der vorliegende Aufsatz zeigt hingegen, dass dies nicht der Fall ist. Ihre wirklichen Vorkommenshäufigkeiten (Realprävalenzen) sind vielmehr, wie epidemiologische Untersuchungen zeigen, seit Jahren beziehungsweise Jahrzehnten konstant. Davon zu unterscheiden sind gelegentlich festgestellte Zunahmen der Diagnosehäufigkeiten (Diagnoseprävalenzen). Diese sind jedoch kein Ausdruck wirklich zunehmender Häufigkeiten, sondern reflektieren eine höhere Sensibilität sowie eine Verbesserung im Versorgungssystem und in der Erkennung solcher Erkrankungen.“
Und weiter:
„Die mit der Steigerungsthese einhergehende Ursachenbehauptung konzentriert sich oft auf mediale Einflüsse wie zum Beispiel die Sendung Germany’s Next Topmodel, die für die Vermittlung von unrealistischen Schlankheitsidealen und daraus resultierenden Essstörungen verantwortlich gemacht werden. Auch hier zeigt ein Durchgang durch die einschlägige Forschung, dass der Einfluss solcher Sendungen beziehungsweise der Medien insgesamt eher gering ist, sich auf Mädchen im adoleszenten Alter beschränkt und dort auf solche, die bereits Störungen im Körperbild aufweisen. Weder haben also Essstörungen zugenommen (Ausnahme: Adipositas), noch sind Medien deren wesentliche Verursacher.“
In unserer Gesellschaft gibt es die Tendenz, sehr schnell „Feuer!“ zu rufen, einen Brandstifter zu benennen und Maßnahmen zu fordern, bevor überhaupt feststeht, ob es tatsächlich brennt. Das ist insofern problematisch, als der vermeintliche Rauch, der als Beweis für das Feuer herangezogen wird, auch von ideologischen Nebelgranaten stammen könnte, die den nüchternen Blick auf ein Thema trüben und eine seriöse Diskussion bereits im Keim ersticken sollen. Je nach weltanschaulicher Ausrichtung des Kritikers natürlich mit den entsprechenden Schuldzuweisungen an die Adresse des politischen Gegners.
Korrelation vs. Kausalität
Dies könnte auch auf die aktuelle Debatte über die Gefährlichkeit von Social Media zutreffen. Jene, die sich öffentlich als Experten gerieren und vor den Gefahren dieser neuen Art von Medien insbesondere für Jugendliche warnen, können zwar auf diverse Studien verweisen, die einen Zusammenhang zwischen der (exzessiven) Nutzung von Social Media und psychologischen (z.B. Sucht) sowie soziologischen Problemen (z.B. politische Radikalisierung) anzudeuten scheinen. Ob es sich dabei jedoch um einen Kausalzusammenhang der Form „(Exzessiver) Social Media-Konsum verursacht diese Probleme“ handelt, bleibt unbewiesen. Es wird aber dennoch impliziert.
Das ist nicht nur intellektuell unredlich, es ist auch gefährlich, da es die wissenschaftliche Analyse und die darauf basierende politische Praxis in eine falsche Richtung lenken könnte. Es wäre nämlich durchaus möglich, dass die Kausalität umgekehrt verläuft, „Bestimmte psychologische Probleme verursachen (exzessiven) Social Media-Konsum“, oder dass es einen dritten, bisher unbekannten Faktor gibt, der beides verursacht, „psychologische Probleme“ und „(exzessiven) Social Media-Konsum“. So wäre es zum Beispiel vorstellbar, dass Jugendliche, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, psychologische Auffälligkeiten zeigen und sich außerdem in die (exzessive) Nutzung von Social Media flüchten.
Wer nutzt was und wieso?
Dass Social Media für Jugendliche eine wichtige Rolle spielen, zeigen die Daten des Jugend-Internet-Monitor(s), einer Online-Umfrage von Saferinternet.at. Für den 2026er-Monitor wurden 500 Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren über ihr Nutzerverhalten befragt. Das Ranking der beliebtesten Apps, die täglich verwendet werden, führt dabei WhatsApp an. 82 Prozent der Jugendlichen verwenden diese Applikation, wobei es um 5 Prozent weniger sind als im Vorjahr. An zweiter Stelle liegt YouTube mit 76 Prozent (2025: 80 %). Den dritten Platz nimmt Snapchat mit 65 Prozent ein – mit einem Minus von 9 Prozent gegenüber 2025. Es folgen TikTok (2026: 64 % / 2025: 72 %), Instagram (2026: 64 % / 2025: 73 %) und Microsoft Teams (2026: 31 % / 2025: 35 %).
Bei allen genannten Apps zeichnet sich also ein Rückgang der Anzahl jener Jugendlichen ab, die diese täglich nutzen. Und auch bei der Art der Nutzung gibt es Veränderungen. Es scheint den Jugendlichen weniger wichtig zu werden, sich über die genannten Apps mit Freunden auszutauschen, sich über das eigene Umfeld zu informieren oder bestimmten Personen gezielt zu folgen. Stattdessen tritt das Durchscrollen von Kurzvideos in den Vordergrund, eine Möglichkeit, die durch TikTok geprägt wurde und mittlerweile von vielen anderen Plattformen übernommen worden ist. Ob das allerdings Grund zur Sorge sein muss, darf man bezweifeln, haben die Jugendlichen früherer Generationen sich doch ebenfalls berieseln lassen – und zwar von Musik und von Musikvideos.
Ein wesentlicher Grund für den Rückgang der täglichen Nutzung der vom Austrian-Internet-Monitor 2026 gelisteten Social Media ist laut der Studie von Saferinternet.at übrigens darin zu sehen, dass Jugendliche immer stärker auf KI-Chatbots, wie z.B. ChatGPT, zurückgreifen. 94 Prozent von ihnen nutzen diese neue Technologie und zwar vor allem für die „Schule und Hausaufgaben“ (73 %), für „Infos suchen und zusammenfassen“ (47 %) oder für „Erklärungen“ (34 %). 27 Prozent lassen sich von solchen KI-Maschinen „Texte formulieren“ und ein Fünftel verwendet sie zum Lösen von „Rechenaufgaben“. Auch wenn man auf den ersten Blick darüber besorgt sein könnte, dass Jugendliche sich so sehr auf die neuen Technologien verlassen (52 % vertrauen darauf, dass KI- Chatbots korrekte Antworten liefern): Immerhin wollen sie ganz offensichtlich mit ihrer Hilfe Informationen einholen, sind also daran interessiert, ihr Wissen zu erweitern. Doch auch das tun Erwachsene und taten es schon, bevor KI-Chatbots das Licht der Welt erblickten – mit Hilfe von Suchmaschinen, wie z.B. Google, und davor mithilfe klassischer Medien oder ihrer Freunde am Stammtisch. Wobei vor allem letzterer, was die Qualität der dort ausgetauschten und ungeprüft übernommenen Informationen betrifft, wohl kaum den neuen technologischen Angeboten überlegen sein dürfte.
Vor- und Nachteile von Social Media
Gibt es neue Technologien, werden sie auch genutzt und ersetzen die alten oder ergänzen sie zumindest. Die Angst, dass dies automatisch in den kulturellen Untergang führen muss, dürfte stark übertrieben sein, auch wenn sie bereits so alt ist wie die Nutzung von Medien selbst. So hat schon der antike griechische Philosoph Platon (ca. 428 bis ca. 348 v. Chr.) das Aufschreiben von Wissen zu seiner Konservierung und Weitergabe kritisiert. Und zwar deshalb, weil es – aus Platons Sicht – das Gedächtnis schwächt, weil geschriebene Texte nicht mit dem Leser interagieren und eventuelle Fehlinterpretationen verhindern können, wie das im Diskurs mit einem Gesprächspartner möglich ist, und weil angelesenes Wissen bloß Scheinwissen sei, echtes Verstehen hingegen nur dem lebendigen Dialog mit einem Hin und Her aus Fragen und Antworten entspringen kann.
Doch solcher Kulturpessimismus ist nicht gerechtfertigt. Der potenzielle Zugriff auf das gesamte Wissen der Welt an fast jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt – und das auch noch um wenig Geld – ist die beeindruckendste Leistung des Internets und der auf ihm basierenden Technologien. Noch nie war es so leicht wie heute, sich umfassende Kenntnisse zu jedem beliebigen Thema anzueignen, sich an Debatten zu beteiligen, ohne sich der Gefahr physischer Repression auszusetzen, sich mit Menschen weltweit auszutauschen und sich zu organisieren (Stichwort „Klimastreik“). Dass unter den vielen Möglichkeiten der neuen Technologien auch solche zu finden sind, die der reinen Zerstreuung dienen: geschenkt.
Vater Staat oder Papa und Mama?
Solange nicht klar erwiesen ist, dass Social Media (und andere Internet-basierte Technologien) Jugendlichen Schaden zufügen, sollte es keinerlei staatliches Verbot geben. Das ist kein Plädoyer für naives Vertrauen in die guten Absichten der Betreiber und auch keine Blindheit gegenüber potenziellen Risiken für die Gesundheit von Jugendlichen. Dass die Anbieter von Social Media eigennützige Ziele verfolgen, und sei es auch nur ökonomische, ist unbestritten. Die im Zusammenhang mit der (exzessiven) Nutzung diverser Applikationen immer wieder genannten Risiken sind zumindest denkbar – aber eben (noch) nicht eindeutig bewiesen. Einige Anbieter sind übrigens dennoch freiwillig dazu bereit, den Zugang mit Altersbeschränkungen zu versehen. Das sollte jedoch nicht als Eingeständnis der Gefährlichkeit ihrer Apps missverstanden werden. Viel eher dient es wohl PR-Zwecken, nach dem Motto „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst“ und einer gewissen rechtlichen Absicherung.
Aus liberaler Sicht lässt sich nach all den vorliegenden Daten eine Freizügigkeit unter Vorbehalt argumentieren. Soll heißen: Der Gesetzgeber verbietet weder die Nutzung von Social Media noch schränkt er sie ein. Die Verantwortung sollte auch weiterhin bei den Eltern liegen. Sie haben das Recht (und die erzieherische Pflicht), die Nutzungsdauer auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren, zum Beispiel durch ein auf den Geräten (Smartphones, Computern) vom Händler vorinstalliertes Programm. Jedem Jugendlichen steht ein bestimmtes Zeitkontingent pro Tag zur Verfügung, über dessen Verwendung er selbst entscheiden kann. So können die Eltern in Abhängigkeit der individuellen geistigen Reife ihrer Kinder und deren Fähigkeit, problematische Inhalte als solche zu erkennen und mit ihnen darüber zu sprechen, unterschiedlich große Zeitbudgets für die Nutzung vergeben. Ist das Kontingent aufgebraucht, kann das Smartphone immer noch zum Telefonieren verwendet werden, aber nicht mehr, um damit TikTok oder ähnliche Apps zu nutzen. Welche Anwendungen von dem Programm in ihrer Nutzungsdauer befristet werden, könnten und sollten ausschließlich die Eltern festlegen und nicht der Gesetzgeber.
Dessen Aufgabe sollte es hingegen sein, wissenschaftliche Forschung zu den möglichen Risiken von Social-Media-Konsum zu fördern und das Bildungssystem so zu gestalten, dass Jugendliche zu autonomen, verantwortungsvollen Bürgern heranwachsen können. Das könnte unter anderem dadurch unterstützt werden, dass eine professionelle Aufklärung über die Möglichkeiten und Gefahren der Nutzung von Social Media in den Schulunterricht integriert wird, wie das Bildungsminister Christoph Wiederkehr vor kurzem vorgeschlagen hat.
Dass die Jugendlichen selbst übrigens bei weitem nicht so hilflos sind, wie das manche Kritiker behaupten, haben Fokusgruppengespräche von Saferinternet.at gezeigt. Darin erwiesen sich viele der befragten Jugendlichen als äußerst reflektiert und kritisch gegenüber der großen Menge an Werbung und den ähnlichen Inhalten auf verschiedenen Plattformen. Und sie erklärten außerdem, dass belastende Inhalte sowie Hasskommentare auf Social Media diese für sie zunehmend unattraktiv machen.
GEORG SCHILDHAMMER ist Philosoph und Autor. Er unterrichtet an einer privaten Universität sowie an mehreren Fachhochschulen. Seine Schwerpunkte sind Ethik und Wissenschaftstheorie. Schildhammer lebt in Wien.