Klimamoralismus liegt existenziell daneben
Was bringt Klimaschutz, wenn Tuvalu nicht untergeht, aber niemand da ist, der dabei zusehen kann?
Bei der Abwägung existenzieller Bedrohungen gibt es einen einfachen Ausgangspunkt jeder ernsthaften politischen Prioritätensetzung: Ist das Überleben der Menschheit gesamthaft gefährdet?
Technologische Entwicklung und Ressourcenaufwand sind danach zu bewerten, ob sie den Fortbestand menschlicher Zivilisation sichern und die Lebensbedingungen in der Biosphäre verbessern oder zumindest auf gleichem Niveau halten. Diese Vorgabe bedingt einen nachhaltig bewirtschaftbaren Planeten mit stabilen ökologischen Rahmenbedingungen. Klimaschutz ist daher kein Luxusproblem, sondern eine notwendige Voraussetzung für den Erhalt dieser Stabilität.
Diese Feststellung ist banal und unabhängig davon, ob man den Klimawandel als menschliches Produkt akzeptiert oder als natürliches Phänomen deklariert. Für die Notwendigkeit eines Risikomanagements macht es keinen Unterschied, auch wenn sich daraus möglicherweise andere politische Instrumente ergeben. Dass diese Einordnung im angewandten politischen Diskurs auch anders vorgenommen wird bis hin zur Gegenhypothese, dass es gar nicht wärmer wird, und selbst wenn, kein Handlungsbedarf gegeben ist, ist eine andere Geschichte.
Moralische Anschlussfähigkeit
Den Verharmlosern der Erderwärmung stehen jene gegenüber, die Klimaschutz als moralischen Auftrag höchsten Ranges sehen und eine rationale Reihung existenzieller Risiken gar nicht in Erwägung ziehen würden. Konkret ein Classement, das nicht primär probabilistisch, sondern nach struktureller Bewertung, vor allem in Hinblick auf seine Endgültigkeit und Irreversibilität gewichtet ist. Für die Fundamentalisten unter den Aktivisten steht fest: Die Klimaerwärmung (oder wie sie es nennen: Erderhitzung) ist das dringlichste Problem der Gegenwart. Das ist – selbst, wenn es so wäre – ein epistemischer Kurzschluss, der nicht selten auch dazu führt, dass die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema eben nicht evidenzbasiert in Bahnen geregelter demokratischer Debatten verläuft, sondern die Grenzen der Gesetze überschreitend.
Dieses Verhaltensmuster gepaart mit der Verabsolutierung einer Gewissheit in der Lösungsfertigkeit lässt sich als Moral Grandstanding beschreiben: Die öffentliche moralische Positionierung dient weniger der argumentativen Überzeugung als der sozialen Selbstaufwertung. Wissenschaftliche Evidenz in der Problembeschreibung fungiert dabei nicht als argumentativer Ausgangspunkt, sondern als Endpunkt und für bestimmte Lösungsoptionen als moralische Autorität, die Dissens im Vorhinein delegitimiert. Umso mehr natürlich, wenn das vermeintliche Fortbestehen des Planeten davon abhängt.
Der Klimawandel eignet sich in besonderer Weise für diese Form der Selbsterhöhung. Zuerst wird das eigene Leben zum alltagsdurchdringenden moralischen Projekt: Mobilität, Ernährung, Wohnen, Reisen und so weiter müssen klimatauglich gestaltet werden. Dann setzt der Vergleich ein. Wer richtig lebt, performt jene, die es nicht tun, einfach aus. Benchmarking mit Distinktionsdividende. Suggeriert wird dabei, dass das eigene Leben, Anpassung und Verzicht einem wichtigeren Ziel unterzuordnen sind.
Doch irgendwas stinkt
Alleine die moralische Überformung erzeugt Reaktanz, weil sie abweichende Meinung nicht als Irrtum, sondern als moralisches Defizit rahmt. Die korrekte Analyse der Sachlage bedeutet aber keineswegs adäquate Prioritätensetzung oder überlegene politische Lösungskompetenz. Gerade Letztere erfordert spezielle Expertise, die zwar auf der analytischen Vorarbeit inklusive Handlungsoptionen aufbaut, sich daraus aber alles andere als zwingend ergibt.
Ein weiteres Indiz für die kurze epistemische Zündschnur zeigt die Austauschbarkeit des Aktivismus. Politische Bewegungen, die gestern mit existenziellem Pathos den Klimanotstand beschworen haben, segeln buchstäblich am nächsten Tag mit vergleichbarer Dramatik ein anderes moralisches Großthema. Gestern noch Klima-Guerilla, morgen schon Gaza-Flotilla. Das relativiert rückwirkend den behaupteten Ausnahmecharakter des jeweiligen Anliegens.
Klimarisiko versus KI-Risiko
Aus der Notwendigkeit eingangs erwähnter überlebensnotwendiger ökologischer Stabilität folgt eben nicht automatisch, dass der Klimawandel das größte oder gar einzige existenzielle Problem der Menschheit darstellt.
An dieser Stelle lohnt es sich, auf den Unterschied zu anderen existenziellen Risiken einzugehen, insbesondere zur Entwicklung von human level artificial general intelligence (AGI). Eliezer Yudkowsky argumentiert, unter anderem in seinem jüngst erschienenen Buch „If Anybody Builds It, Everybody Dies“ folgerichtig, dass eine hinreichend leistungsfähige autonome KI kein graduelles, sondern ein binäres Risiko darstellt: Entweder sie bleibt kontrollierbar, oder sie tut es nicht. Dazwischen existiert keine stabile Mitte. Eine derartige Maschine stellt kein Risiko dar, das sich schrittweise managen lässt. Während Klimarisiken Verzögerung, Anpassung und politische Korrektur erlauben, ist eine fehlgeschlagene Kontrolle über eine selbstverbessernde KI irreversibel.
Entscheidend ist dabei nicht die Frage, ob eine solche Entwicklung wahrscheinlich ist, sondern welche Konsequenz ihr Eintreten hätte. Bei existenziellen Risiken reicht bereits eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit aus, um sie prioritätsrelevant zu machen, da ihre Konsequenzen endgültig wären. Oder: Deswegen fürchten wir einen Flugzeugabsturz mehr als einen Autounfall.
Yudkowsky argumentiert nicht mit Szenarien, sondern mit Systemlogik: Ein intelligenteres System kann langfristig nicht zuverlässig von weniger intelligenten Akteuren kontrolliert werden. Moral, Regulierung oder gute Absichten ändern an diesem strukturellen Problem nichts.
Wie schwer diese Einsicht politisch zu verarbeiten ist, zeigt ein Gespräch zwischen Yudkowsky und Ezra Klein. Der Versuch, das Risiko in vertraute politische Kategorien zu übersetzen, wie etwa Regulierung über internationale Abkommen, läuft immer wieder ins Leere. Bei Atomwaffen gelingt das besser, nicht zuletzt, weil sich die ausschließlich negative Konsequenz dramatisch vom gemischten Nutzen künstlicher Intelligenz unterscheidet, die bereits jetzt den Alltag vieler Menschen erleichtert.
Eine ähnliche Wertung nimmt der Autor von „The Precipice“ Toby Ord vor, indem er existenzielle Risiken systematisch einordnet. In seiner Analyse erscheint der Klimawandel als ernstes, aber nicht zivilisationsbeendendes Szenario, während die unkontrollierte oder nur scheinbar kontrollierte, strukturell nicht dauerhaft beherrschbare Entwicklung einer ASI sowie nukleare Eskalation Gefahren darstellen, die menschliches Leben beenden könnten.
Ende Gelände
Das Problem ist nicht, dass dem Klimawandel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, sondern dass moralische Handhabbarkeit mit existenzieller Relevanz verwechselt wird. Aktivismus, der seine Energie dort investiert, wo sie sich gut anfühlt, statt dort, wo sie notwendig wäre, setzt seine Prioritäten inhaltlich nicht unbedingt falsch, sondern bequem. Er wird in der Sache daher gesellschaftspolitisch kontraproduktiv wahrgenommen.
Letztendlich wird es aber egal sein, wenn die erste künstliche Superintelligenz ohne viel Rücksicht auf die Menschheit einzelne Atolle vor dem Untergang bewahrt, aber niemand mehr da ist, der dort Urlaub machen könnte.
NIKO ALM war Herausgeber von Vice, Gründer der Agenturgruppe Super-Fi und Mitgründer/Geschäftsführer der investigativen Rechercheplattform Addendum. Von 2013 bis 2017 war er für NEOS Abgeordneter zum Nationalrat mit den Schwerpunkten Medien, Wirtschaft und Weltraum, sowie Vorsitzender im Kulturausschuss. Niko Alm ist Präsident des Zentralrats der Konfessionsfreien. 2019 veröffentlichte er sein erstes Buch „Ohne Bekenntnis – Wie mit Religion Politik gemacht wird“. Aktuell leitet er bei NEOS den Bereich „Kommunikation und Kampagnen“.