Wissenschaftsfeindlichkeit und Liberalismus – die Schwierigkeit faktenbasierter Politik
„Without data, you’re just another person with an opinion“, ist ein Zitat, das W. Edwards Deming zugeschrieben wird. Um erfolgreich zu sein, braucht die Gesellschaft evidenzbasierte Skepsis, also ein ständiges Hinterfragen dessen, was gerade allgemein als richtig angenommen wird, auf der Basis der jeweils zur Verfügung stehenden Daten. In diesem Sinne waren Menschen wie Albert Einstein oder Marie Curie Querdenker, da sie die damals vorherrschenden Vorstellungen der Physik und Chemie infrage stellten. Was unterscheidet dann Wissenschaft von Verschwörungsideologien, wenn in beiden Fällen das tradierte Wissen hinterfragt wird?
Nun, es muss geprüft werden, ob die Richtigkeit oder Falschheit einer Aussage durch Daten oder Beweise belegt werden kann. Das ist bei den Theorien, die Einstein und Curie aufgestellt haben, möglich. Im Gegensatz dazu ist eine Meinung lediglich die persönliche Ansicht einer Person. Natürlich kann ich der Meinung sein, Weihwasser – oder alternativ „Granderwasser“ – würde Krankheiten heilen, aber eine Evidenz gibt es dafür nicht.
Der Liberalismus folgt, als Kind der Aufklärung, dem Primat der Vernunft und damit auch dem Ideal der evidenzbasierten Politik. Allerdings hat die Aufklärung den Glauben an übernatürliche Kräfte nicht wirklich beseitigt. Zwar verlieren die Amtskirchen Mitglieder, aber die Sehnsucht nach dem Überirdischen bleibt bei vielen Menschen bestehen. Diese Menschen glauben an so etwas wie eine kosmische Urkraft, und ihr Gott ist nicht tot, er ist anders. Dies muss ein liberaler Mensch als Teil der persönlichen Freiheit akzeptieren, aber nur wenn durch Wissenschaftsfeindlichkeit kein Schaden für andere entsteht. Die Gefahr, die von unwissenschaftlichen Heilsversprechen ausgeht, lässt sich sehr gut am Beispiel Gesundheit zeigen.
Esoterik und Religion – die Angst der Politik vor zu viel Wissenschaftlichkeit
In ihrer Suche nach Halt wenden sich viele Menschen den unzähligen esoterischen Angeboten zu, ganz besonders wenn es um Gesundheitsfragen geht. Was bedeutet dies für Gesellschaft und Staat?
Dann werden beispielsweise Steuergelder verwendet, um von einem ehemaligen Autohändler einen esoterischen Schutzring um ein Krankenhaus errichten zu lassen, wie man 2018 im KH Nord in Wien gesehen hat. Oder es wird ein Lithopunkturprojekt in Auftrag gegeben, bei dem Orte durch die spezielle Anordnung von Steinen „geheilt“ werden sollen (Klinik Klagenfurt). Dazu passt, dass in etlichen Krankenhäusern (Steyr, Rohrbach, St. Pölten, Bruck an der Mur …) Aufbereitungsanlagen für „Granderwasser“ installiert wurden, obwohl laut einem österreichischen Gerichtsurteil aus dem Jahr 2006 ebenjenes Wasser ein aus dem Esoterik-Milieu stammender, parawissenschaftlicher Unfug ist.
Das Interessante hier ist die Schnittstelle Amtskirche/Esoterik, denn 2006 gab Johann Grander in einem Gerichtsverfahren an, die Anweisungen zur Entwicklung des „Granderwassers“ von Jesus Christus bekommen zu haben. Aber so wie die Republik Österreich die Trennung von Kirche und Staat nur sehr halbherzig betreibt, so gilt das auch für Esoterik und Staat. Wie wäre es sonst zu erklären, dass Johann Grander 2001 für sein Lebenswerk das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst erhielt? Dass er im September 2009 von der Wirtschaftskammer Tirol mit dem Ehrendiplom ausgezeichnet wurde, passt ebenso ins Bild. Esoterik verursacht also nicht nur finanziellen Schaden, sie wird durch den Staat auch noch institutionalisiert. Im Prinzip muss man auch die Privilegien der Amtskirchen hier einordnen, da diese ebenfalls in dieser Zone des staatlich unterstützten „Übersinnlichen“ liegen.
Der Glaube an überirdische Kräfte verleitet übrigens nicht nur staatliche Akteure dazu, Steuergelder zu verschwenden. Bürgerinnen und Bürger fallen auch persönlich auf Betrug mit Okkultismus herein. So wurde beispielsweise 2025 eine Gruppe um zwei selbsternannte Schamaninnen verurteilt, die sich über viele Jahre einen luxuriösen Lebensstil ergaunert hatten, indem sie ihren Opfern Unheil prophezeiten, das sich aber gegen Entgelt abwenden ließe. Wer es absurd findet, erfundenen Schaden in der Zukunft durch Geldzahlungen an selbstermächtigte Institutionen abwenden zu wollen, der denke an die lange und sehr erfolgreiche Geschichte des Ablasshandels im Christentum.
Covid-19 – der Reiz der Verschwörungsideologien
So absurd manche Verschwörungsideologien anmuten mögen, die Bevölkerung und damit die Politik sehnt sich nach einfachen Antworten. Rationale Wissenschaft kann aber nur in den seltensten Fällen simple Lösungen liefern. Sehr deutlich wurde das in der Covid-19-Pandemie, denn wenn ein Virus neu ist, dann können dessen Wirkungen nicht bekannt sein. Die Politik fuhr daher auf Sicht und bekam von der Wissenschaft teils widersprüchliche Botschaften, da der Forschungsstand sich sehr rasant entwickelte. Wenn die Wissenschaft aber erst das eine sagt und kurze Zeit später etwas anderes, dann führt das zu Verunsicherung und bestärkt Misstrauen ihr gegenüber.
Hier wurde zweifellos oft versäumt, darauf aufmerksam zu machen, dass sich Wissenschaft von Ideologien und Religionen dadurch unterscheidet, dass sie lernfähig ist. Neue Daten ermöglichen es beispielsweise, Behandlungsmethoden zu verbessern, aber dazu müssen diese Daten erst einmal vorliegen. Dazu kamen während der Covid-Pandemie zusätzliche Kommunikationsfehler, beispielsweise zu hohe Erwartungen an die Covid-Impfungen. Die daraus resultierenden Enttäuschungen führten fast automatisch zu wachsender Wissenschaftsskepsis und nährten Verschwörungsideologien. Ein fundierter Wissenschaftsjournalismus wäre in diesem Zusammenhang höchst wünschenswert, denn die Wissenschaft ist oft zu leise, während ihre Gegner sehr laut sind.
Homöopathie – vom richtigen Startpunkt auf den falschen Weg
Die Homöopathie wurde 1797 vom deutschen Arzt Samuel Hahnemann begründet, ausgehend von seiner Kritik an der damaligen therapeutischen Praxis, beispielsweise exzessivem Aderlass. Die Homöopathie startete also, durchaus im Sinne moderner Wissenschaft, mit dem Hinterfragen der bestehenden Praxis. Ihr Erfolg erklärt sich erst einmal daraus, dass sie nicht schadet, was die damalige „Schulmedizin“ oft tat. Medizin soll aber mehr bewirken, als keinen Schaden anzurichten.
Doppelblindstudien haben klar gezeigt, dass die Homöopathie nicht über den Placebo-Effekt hinauswirkt. Viele Menschen schwören aber auch heute noch auf ihre vorgebliche heilende Wirkung, und dieser blinde Glaube kann dazu führen, dass Menschen auf wirksame medizinische Behandlungen verzichten. Oft werden parallel dazu der Pharmaindustrie bösartige Machenschaften unterstellt. Dazu muss man wissen, dass homöopathische Mittel zwar in Apotheken verkauft werden, bei ihnen aber keine Wirksamkeit nachgewiesen werden muss, was bei offiziellen Medikamenten anders ist. Da Zulassungsstudien für offizielle Medikamente sehr aufwendig sind, sind diese auch teurer, was homöopathischen Mitteln einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Sie sind zwar wirkungslos, aber billig. Faktenbasierte Wissenschaft dagegen bringt Fortschritt, hat aber ihren Preis.
Nüchterne Wissenschaft oder irrationale Heilsversprechen – woran glauben?
Auf den ersten Blick erscheint der Vorteil rationaler, faktenbasierter Ansätze recht offensichtlich zu sein, gerade in der Medizin. Man braucht nur die Entwicklung der Lebenserwartung zu betrachten. Woran liegt das? Eine mögliche Erklärung wäre die gewaltige Zunahme des Wissens in allen Fachgebieten, weswegen es heute für einen einzelnen Menschen nicht mehr möglich ist, das verfügbare Wissen zu überblicken, geschweige denn zu verstehen. Daraus folgt, dass jeder Mensch zwangsläufig auf die Expertise anderer Menschen vertrauen muss. Somit geht es nicht mehr darum, WAS wir glauben, sondern WEM wir glauben.
Glauben wir, um im Gesundheitsbereich zu bleiben, den esoterischen Influencerinnen und Influencern, oder glauben wir den Fachleuten der Medizin? Aus liberaler Perspektive betrachtet ist die Antwort klar, aber wie erreicht man diejenigen, die sich in einer immer komplexer erscheinenden Welt verloren fühlen und daher Halt im Irrationalen suchen? Wie überzeugt man sie vom Vorteil der rationalen Wissenschaften, der faktenbasierten Politik?
Auf diese Frage gibt es wohl keine simple Antwort, aber es gibt Lösungsvorschläge.
- Empathie: Man muss den Menschen zuhören, sie ernst nehmen und auf diese Weise Vertrauen aufbauen. Wenn sie sich in die Hände irgendwelcher Scharlatane begeben, dann stehen dahinter meist Ängste. Als liberaler Mensch sollte man versuchen, Menschen auch dann ernst zu nehmen, wenn man das, was sie sagen, seltsam findet.
- Die Kraft der Argumente: Ist das Vertrauen erst einmal vorhanden, kann man rationale Argumente vorbringen und die Vorteile vernunftbasierter Ansätze gegenüber Irrationalitäten aller Art betonen. Auf diese Weise ist es dann beispielweise möglich, die Vorteile von Impfungen zu zeigen, ohne die damit verbundenen Nebenwirkungen zu verschweigen. Ein unaufgeregter Wissenschaftsjournalismus ist hier von zentraler Bedeutung.
- Mut zur Lücke: Solange kein Schaden für unbeteiligte Personen entsteht, ist es jedem Menschen freigestellt, an Wunder aller Art zu glauben, egal ob diese auf göttlichem Beistand beruhen sollten, auf der „richtigen“ Konstellation der Sterne oder worauf auch immer.
Wissenschaftsskepsis nein – Skepsis als Basis der Wissenschaft ja!
Um in einer Demokratie gemeinsam Lösungen zu finden, müssen wir uns darauf einigen, was die Fakten sind, welche Methoden wir zur Wahrheitsfindung heranziehen und welche Mechanismen zur Fehlerkorrektur wir anwenden. Die rationalen Wissenschaften stellen uns genau das zur Verfügung – Fakten, Methodik, Fehlerkorrektur –, und daher kann man sagen: ohne Wissenschaft keine Demokratie.
Dabei müssen wir uns darüber im Klaren sein und auch offen kommunizieren, was die Wissenschaft nicht kann, nämlich unumstößliche Wahrheiten zu erzeugen. Die daraus resultierende Verunsicherung ist der Preis für unsere Freiheit und unseren Fortschritt. Dafür können wir durch Wissenschaft das Falsche erkennen und uns davon trennen. Wie Karl Popper sehr schön beschrieben hat, ist das Resultat dieser Falsifikation nicht die absolute Wahrheit, aber das Beste, was uns zur Verfügung steht, und das ist schon sehr viel.
GEORG ARTELSMAIR hat Technische Physik in Linz und Politische Wissenschaften in München studiert. Von 1988 bis 2023 arbeitete er in verschiedenen Funktionen am Europäischen Patentamt (Patentprüfung, Direktor European Cooperation, Leitung des Sprachendienstes).